Sind Sie Vegetarierin?

Heide Weidemann, Bund für Umwelt und Naturschutz – BUND

„Sind sie Vegetarierin?“ werde ich oft gefragt, wenn ich im „normalen“ Restaurant auf der Speisekarte nach fleischlosen Genüssen fahnde. Meine Antwort: „Nein, aber ich esse kein Fleisch von Tieren, die mir lebendig auf der Autobahn begegnet sein könnten.“ Diese etwas umschriebene Absage an Tiertransporte wird nach kurzem Nachdenken immer verstanden. Ob das Folgewirkungen hat oder es beim: „Ja eigentlich müsste man …“ stecken bleibt, sei mal dahingestellt. Zumindest weckt es Nachdenklichkeit darüber, wie wir mit der Kreatur umgehen.

Der BUND ist ein leidenschaftlicher Verfechter einer artgerechten Tierhaltung und bedauert deren geringen Stellenwert in der Politik. Erst unter der rot-grünen Bundesregierung wurde wenigstens der Käfighaltung bei Legehennen der Kampf angesagt. Wie groß aber ist der Protest der Lobby mit der unverhohlenen Drohung, Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland zu verlegen. Wir sind noch weit davon entfernt, Tiere als unsere Mitgeschöpfe mit Ehrfurcht zu behandeln. Damit ist nicht gesagt, Tiere oder tierische Erzeugnisse dürften nicht Bestandteil der menschlichen Nahrung sein. Entscheidend ist nicht, dass ein Tier geschlachtet wird, sondern wie das geschieht und wie es bis zu seinem Tod hat leben dürfen!

Erst im Mai dieses Jahres hat der BUND in einer Studie den anhaltenden Trend zur Massentierhaltung in Deutschland nachgewiesen. Zwar ist dabei Rheinland-Pfalz kein Paradebeispiel, weil Betriebsgrößen wie in den neuen Bundesländern oder im Norden hier nicht an der Tagesordnung sind: Trotzdem findet vor allem Schweine- und Geflügelhaltung in eher gewerblich als landwirtschaftlich anmutenden privilegierten Betrieben im Außenbereich statt, unter Dach und ohne Auslauf versteht sich. Von artgerechter Tierhaltung kann aber auch bei „nur“ 200 Schweinen oder 500 Hühnern dann keine Rede sein, wenn sie auf Spaltböden oder in Minikäfigen zusammengepfercht werden, sich Aggressionen aufbauen, von Natur aus gesellige Tiere einzeln vor sich hin vegetieren müssen, Sauen ihre Ferkel nicht im selbstgebauten Nest betreuen dürfen. Der Schrecklichkeiten sind viele.

Ein ganz heikles Thema sind die Tiertransporte, nicht selten durch den halben Kontinent, die sich nur deshalb lohnen, weil der Transport einfach zu billig ist: Aber nur für die Speditionsunternehmen, denn die wahren Kosten – von direkten Subventionen bis zu den Folgen der klimaschädlichen Verkehrsabgase – übernimmt ja die Gesellschaft!

Welch aberwitzige Kapriolen solche Fixierung der Politik auf Handel und Wirtschaft nach sich ziehen, zeigt überdeutlich das Thema Schweinepest. Für die Massenschlachtungen bei befallenen Beständen gibt nur einen Grund, die Sicherung der Exportfähigkeit des Schlachtfleisches. Vor allem die USA verbieten die Einfuhr von Schweinefleisch, das von infizierten Tieren stammt. Da man – bis jetzt – in Proben nicht nachweisen kann, ob Antikörper vom erkrankten bzw. erkrankt gewesenen oder geimpften Tier stammen, ist durch entsprechende Vorschriften der EG sogar der Weg versperrt, Hausschweine vorbeugend zu impfen. Und das alles, obwohl das Fleisch erkrankter Tiere für den menschlichen Genuss völlig ungefährlich ist.

Was wir hier brauchen, wäre sofort eine Regelung für Betriebe, die nicht für den Export arbeiten. Gäbe es eine zuverlässige Kennzeichnung für Tiere aus diesen Beständen, wäre ihre Vermarktung auf dem innerdeutschen, besser noch dem regionalen Markt möglich. Betriebe, die für den regionalen Markt produzieren, könnten dann ihre Tiere auch vorbeugend impfen. Hier ließe sich umsetzen, was in bezug auf die Agrarwende doch eine ganz bedeutende Rolle spielen müsste: Die Förderung der regionalen Vermarktung mit kurzen Wegen.

Kleine Schlachthöfe und Metzgerschlachtereien, die Fleisch aus der Region direkt von den Produzenten einkaufen und ihre Lieferanten kennen, sind durch die bisherige Politik massiv zurückgedrängt worden. Solche Konzepte sind bislang auf lokale Initiativen angewiesen, in großem Maße getragen von der Mitwirkung ökologisch arbeitender Betriebe, was der BUND wo er kann unterstützt. Der Arbeitskreis Landwirtschaft des BUND Rheinland-Pfalz hat sich vorgenommen, seine Mitglieder flächendeckend in diesem Sinne zu mobilisieren. Wenn es uns gelingt, mehr praktische Beispiele zu zeigen, sollten die Signale stark genug sein, um die Verantwortlichen in Bund und Land aufzurütteln und Ihnen klar zu machen, dass es für eine konsequente Agrarwende allerhöchste Zeit ist. Mit Sonntagsreden ist es nicht getan, wenn die Vorbildfunktion fehlt: Das wäre die Umstellung aller Kantinen der öffentlichen Hand, einschließlich der Krankenhäuser und Altenheime auf Verpflegung aus der Region, bevorzugt aus ökologischer Erzeugung!

Offen auf der Hand liegt, dass eine solche Landwirtschaft und der entsprechende Umgang mit Tieren – welch begrüßenswerter Nebeneffekt – auch viel geeignetere Mittel sind, Arbeitsplätze wirklich zu sichern – nachhaltig und vor Ort statt unsicher bei weltweit agierenden Konzernen.

Einen flächendeckenden Umbruch in der landwirtschaftlichen Tierhaltung können wir sicher erst erwarten, wenn tiergerechte Haltungsformen und eine Bindung der Tierhaltung an die Fläche Voraussetzung für staatliche Förderung werden und der Futteranbau im eigenen Betrieb wieder selbstverständlich wird. Solange sich mit Massentierhaltung mehr Geld verdienen lässt als mit artgerechter, stehen die Chancen schlecht. Geradezu scheinheilig ist es, auf den Verbraucher zu verweisen, der angeblich alles in der Hand hat. Die große Masse entscheidet sich eben doch für die Dumpingpreise der Supermärkte.

Hinzu kommt die völlig unzureichende Kennzeichnung. Der Verbraucher ist ja nicht gezwungen, sich wirklich mit dem Herstellungsprozess seines Schnitzels oder Frühstückseies konfrontieren zu lassen. Das Bild der Hühner, die die Eier gelegt haben, über dem Eierregal, das Bild der gequälten Tiere im Viehwagen über der Fleischtheke … ‚das würde vielleicht nicht jeden, aber viele, viele Menschen davon abhalten, mit ihrer Kaufentscheidung zu Tierquälerei beizutragen.

Immerhin – der Tierschutz hat jetzt endlich Eingang ins Grundgesetz gefunden. Eine gute Voraussetzung für alle Organisationen, sich mit mehr Aussicht auf Erfolg für eine Tierhaltung zu engagieren, die man mit Fug und Recht menschlich nennen kann. Die BUND-Sau Berta würde sich riesig freuen.

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